Einer Empfehlung einer japanischen Bekannten nach, machen wir uns frühmorgens auf in die Stadt Kanazawa. Laut Fahrplan brauchen wir bis zur Osaka Station mit der U-Bahn nur 15min, aber wir fahren ja nicht Metro, sondern JR und da finde ich keine Zeitangaben. Also schätzen wir grob, geben noch einen Zeitpuffer dazu und lassen den Wecker um 7Uhr 30min läuten. Warum auch immer verlieren wir beim Aufbruch Zeit und es gilt, sich zu eilen. Als wir den Kasten verlassen. empfängt uns gleich einmal wieder diese Hitze; nicht sehr angenehm. Überraschenderweise gibt P. das Tempo vor, als hätte er den Pfefferstreuer, den wir seit Tokyo im Gepäck habe, mangels Alternativen im Popo. Muss ich mir für andere Gelegenheit merken.


(Figur auf einem riesigen Postkastl in der Bahnhofshalle)
Wir kommen um 12Uhr in Kanazawa an und ich suche zu aller erst das Tourimuscenter auf, um Infos zu bekommen. „May I ask you, where are you from?“ „Ostorija-jin desu, Wien.“ “ Ah, Uien! Beethoven“ Naja, der war zwar Deutscher, aber macht auch nichts.
Wahrscheinlich auf der Bahnhofstoilette oder bereits im Zug haben wir uns mit einer sehr gefährlichen Tourismusinfektion angesteckt, die dazu führt, dass praktisches Alltagswissen im Gehirn nicht mehr abgerufen wird. Keine Einheimische, wo auch immer, geht bei strahlender Sonne, ca. 35 Grad im Schatten zu Mittag freiwillig hinaus. Ich täte es normalerweise auch nicht. Aber hier machen wir uns zu Fuß auf den Weg, um mit einer mangelhaften Karte, in einer fremden Stadt unser Quartier zu finden. Als Ausrede muss herhalten, dass der nächste Bus erst um 16Uhr30min fährt und man für den Weg zu Fuß gerade einmal 25min brauchen sollte. (Wenn man allerdings weiß wohin.) Wir scheitern und stranden in einem Combini irgendwo mit Sitzgelegenheit, der gerade Eröffnung oder so etwas Ähnliches feiert. Bei jeder Runde Kaffee bzw. Wasser bekommen wir eine Flasche Spülmittel geschenkt. Wir geben schließlich auf und kehren zur Station zurück. Dort scheitere ich an den hilfsbereiten Damen im Tourismuscenter mit meiner Frage nach einem vollständigeren Stadtplan, auch im Buchgeschäft gibt´s leider nur eine sehr klein gedruckte japanische Variante mit Kanji und die kann ich noch nicht. Also doch auf den Bus warten. Im Bus gibt es keine Anzeige und eher durch Zufall hören wir den Namen oder so etwas Ähnliches unserer Station. Ich drehe mich zum Kind hinter mir um und hole mir die Bestätigung, dass wir hier raus müssen und wir stürzen aus dem Bus. Dann stehen wir auf einer kleinen Straße im Irgendwo. Kein Straßenschild, keine Nummern. Ich finde einen Einheimischen und frage nach dem Weg.

Es ist niemand zu Haus als wir kommen, aber alles gut beschriftet und so finden wir nach kurzer Suche unseren Raum. Er liegt im ersten Stock und ist durch einen schmalen Gang hindurch über eine steile Hendltreppe zu erreichen, deren Treppenansatz aus einem wackeligen Brettlprovisorium mit Absturzpotential – in der Hausskizze mit „Danger“ vermerkt – besteht.
Eigentlich der Ort für das perfekte Verbrechen. Mit einem beherzten Stoß ließe sich meine LebensabschnittepartnerInnenschaft (was für ein Wort!) straffrei beenden. Aber ich nehme dann doch Abstand von dieser Tat; aus vielerlei Gründen: U.a. hätte ich ja nur einen Versuch und a schene Leich gebe das sicher auch nicht.
Wir deponieren unsere Sachen und machen uns auf, etwas Essbares zu suchen. Der Vermieter verborgt Fahrräder. Im Vorraum hängt dazu ein Plakat mit gezeichneten Fahrräder; unter jeder Zeichnung steht die Farbe des Fahrrads und darüber die Nummer des Schlosses. Wir wählen das pinke Fahrrad und das beige. Die Schlossnummern passen zum grauen und zum weißen.
Nachbarschaft: Ich weiß nicht, ob die Zeichen unter dem Lächler seinen Namen bedeutet, seinen Bezirk, seine Partei oder sein Programm, jedenfalls steht da „Hase“.
Dort wo wir wohnen scheint eine reine Wohngegend zu sein. Die Stadt beginnt erst auf der Ostseite des Bahnhofs und dort steppt auch nicht gerade der Koi. Wir fahren einfach so in der Gegend herum, finden aber kein Lokal, das uns anspricht. Also essen wir im Shoppingtempel, der an den Bahnhof grenzt, kaufen noch etwas zu trinken und fahren zurück. Inzwischen ist das Haus belebt. Im Wohnzimmer sitzt der Vermieter und eine junge Frau aus Deutschland. Die Situation ist seltsam und nach Austausch von ein paar Höflichkeiten ziehen wir uns zurück.
Kanazawa ist schön und es ist nicht so touristisch wie Kyoto, wo man entweder für alles zahlt oder es nicht betreten darf. Wir machen uns auf zum Sightseeing. Erfreulicherweise sind in Kanazawa alle sogenannten Sehenswürdigkeiten in einem Radius von 2km zu finden; sehr angenehm. Außerdem fahren wir Rad.
Wir fahren bis zum Bahnhof und dann weiter nach Osten bis zum Omi-cho Market, einem überdachten Lebensmittelmarkt, auf dem viel Meeriges angeboten wird.

(Die Plastikschüssel, die von der Decke hängt, ist die Kassa des Händlers. Das schien mir abbildenswert.)
Wir parken unsere Fahrräder vorschriftsmäßig und machen uns zu Fuß auf zum Castle. Der Park, der den Nachbau umgibt, ist groß und fast menschenleer. Auch die Burg selbst ist dankenswerterweise nicht überlaufen. Nicht für jeden Teil der Ausstellung muss man zahlen, u.a. nicht für die Schießscharten, für die in Kyoto extra Geld verlangt wurde.

(Kanazawa Castlepark)
(Eines der Burgtore)

Ein Nachbau müsste doch viel eher das Gefühl seiner Zeit vermitteln können. Einziger Wermutstropfen hier in Kanazawa: Die sichtbaren Kreuzschrauben in den Bodenbrettern.
Die Treppen in der Burg waren im Übrigen noch steiler, als die in unserer Unterkunft.

Dort wo´s grün ist, standen Jene, denen Welche Steine auf die Köpfe warfen, um sie zu verhindern.
(Blick von der Burg auf die Stadt.)
Nach dem Castle ist unser Ziel der Kenroku-en Garten. Wir haben ein Kombiticket.






Nach dem vielen Grün stand das Noh-Museum auf dem Plan. Aber auf dem Weg dorthin, verlor sich die Motivation und wir wollten nur noch essen und trinken. Also ging´s durch den Schloss-/Burg-/Castlepark zurück zum Market. Dort fanden wir aber nichts Passendes und durch einen Regenschauer hindurch steuerten wir nach einem Lebensmitteleinkauf im Bahnhof wieder unser Quartier an. Unsere Mitbewohnerin war da. Sie kommt aus Stuttgart, studiert Flugzeuge und Satelliten zu programmieren und hilft hier ein wenig mit oder so.
Ich weiß nicht, ob hier die Gött_innen die Bestrafung von Sünden strenger nehmen als anderswo und meine verbalen Ausführungen eines mehr als fiktiven Gattenmords missfiel oder ob ich hätte mit dem Wünschen vorsichtiger sein, als ich meinte, diese Reise wäre ein wenig langweilig. Das Spektakel wurde mir geliefert. Aber alles der Reihe nach: Wir reisen am nächsten Tag ab und mir fehlt für meine legendären Bentoboxen eine Sättigungsbeilage wie es in der Küchensprache heißt.
Ein Supermarkt soll nahe sein. Also schwinge ich mich auf eines der Fahrräder. An der Kreuzung stapft mir die Deutsche entgegen, nimmt mich aber nicht wahr.
Bis zum Supermarkt bin ich nicht mehr gekommen, aber wo ich war weiß ich nicht mehr. Verschwommen glaube ich vor meinem geistigen Augen zu sehen, wie ich in ein Loch in der Straße fahre. Ich habe an den Unfall keine Erinnerung. Mein erster Eindruck danach ist, dass ich das Fahrrad schiebe und orientierungslos bin. Wo habe ich P. verloren? Sucht er mich? Ich rufe in die Nacht hinein seinen Namen. Dann versichere ich mich, dass man hier sicher auch gut aufgehoben ist, wenn man verloren geht und fahre(?) weiter. Mir dämmert, dass P. im Haus ist. Irgendwie komme ich zurück. Irgendwie ziehe ich ordentlich meine Schuhe im Vorraum aus. Die Deutsche sitzt am Tisch.“Ich hatte einen Unfall.“ Irgendwie komme ich in die Dusche und dusche ewig, bis kein Blut mehr aus meiner Nase, von meiner Augenbraue und von meinem Kinn läuft. Meine Schulter schmerzt. Am nächsten Tag offenbart sich das Ausmaß der Schäden. Hier der Beleg.

Das Fotos ist vom nächsten Morgen, als wir in der „German Bakery“ frühstücken. Ich entscheide mich für ein Vegetableweckerl. Das hat dann doch auch Wurst drauf. Vielleicht ist ja der Hinweis „Vegetable“ als Warnung zu verstehen. Das Essen fällt mir schwer.
