Glück ist für mich wie das Salz in der Suppe: Ich bemerke es erst wenn es fehlt oder wenn ich mir den Text für einen Blogeintrag formuliere. Die Sonne scheint und ich bin auf dem Weg nach Waseda, um in einer japanischen Bibliothek zu arbeiten. Ja, das alles in Summe kann Glück sein und ich ich finde, heute ist alles gut abgeschmeckt. Das Fahrrad korrespondiert dieses Mal sogar einigermaßen mit meiner Körpergröße. Das allein macht schon selig. Ja, meine Vermieterin hat auch andere Fahrräder. Ich habe anfangs ein Kinderfahrrad benutzt. Denn die anderen hat sie sorgsam zu den vielen entlang der Straße gestellt und nicht zum Haus. „But I told you about the yellow lock!“ Das hätte ein fröhliches japanisches Hallo vulgo Konnichiwa der örtlichen Polizei ergeben, hätte ich angefangen sämtliche Schlösser durch zu probieren… Wie auch immer, jetzt ist alles anders. Obwohl ich auf der Meijidori fahre, einer großen Straße, die sich durch mehrere Bezirke zieht, bin ich in bequemen 40 Minuten beim Theatermuseum.

Ich versperre meine Sachen im Eingangsbereich in zwei Schließfächern und betrete den Lesesaal. Nachdem ich meinen Pass abgegeben habe, beginne ich mit der Recherche am Computer den Blick des jungen Bibliothekars stetig auf mich gerichtet. Irgendwann meint er mir helfen zu müssen. An sich habe ich ja alles im Griff, aber bitte, wenn er mehr findet, soll’s mir auch recht sein. Tut er aber nicht, weist mich aber höflich daraufhin, dass zwischen 12.30 und 13.30 wegen der Mittagspause keine Bücher ausgehoben werden. Überhaupt kein Problem für mich, denn es gilt den Bestellschein in Katakana auszufüllen und bis ich damit fertig bin, vergeht nicht nur in Böhmen mehr als ein Viertel…

Geschafft, ich geben den Bestellschein ab und es bricht wie gewohnt Panik unter den Einheimischen aus. Normalerweise zwar nur in Buchhandlungen, aber mit Bücher hat das Personal hier schließlich auch zu tun. Dann wird diskutiert und sich ersteinmal bei mir entschuldigt. Denn für zwei Bücher brauchen sie etwas länger, weil nicht vor Ort und zwei andere sind überhaupt nicht hier zu benutzen. Man würde mich aber gerne dorthin führen. Die ersten Bücher kommen. Wieder wird diskutiert. Dann ist Pause. Sorry, but how do you spell your name ? Sumimasen, Michaela Rischka. Unter ständiger mehr oder weniger unauffälliger Beobachtung beginne ich mit meiner Arbeit und muss schnell erkennen, dass das eigentlich nicht viel bringt, weil mich sowohl Ohno als Hijikata nur am Rande interessieren. Es hungert mich. So stürze ich hinaus und gleich wieder in eine Art Mensa hinein. Dort stell ich mir ein kleines Suppenmenü mit Onigiri zusammen. Das wärmt. Zurück nutze ich die Copycard für das Japanischlehrbuch und bin schließlich früher fertig als geplant.
Wenn Japaner_innen lernen wollen, gehen sie in’s Cafe. Also ist mein nächstes Ziel ein selbiges, um die Zeit bis zum Butoh sinnvoll zu nutzen. Ich fahre ich Okubodori Richtung Nakano entlang. Rechts bremst mich recht bald ein großer 100 Yen – Shop aus. Naja, Zeit habe ich ja noch. Ich kaufe ein paar Kleinigkeiten. Im Obergeschoss umkreist mich ein alter Mann bis er mich endlich anspricht. Graue lange Haarsträhnen hängen im wirr im Gesicht. Die Haut hat eine tabakbraune Farbe und als er den Mund verzieht, gibt das die Leere eines fehlerhaften Gebisses preis. Er bettelt mich an. Das war auch ohne Japanischkenntnisse klar. Ich greife in meine Hose und hole eine handvoll Münzen heraus. Ich geben ihm 100 Yen. „Aber da ist noch ein 100er!“ „Ja, ich weiß!“ (freie Übersetzung eines englisch/deutsch/japanisch Kauderwelsch) Er zieht ab in einer schmutzigen Jogginghose und versucht sein Glück downstairs bei einer Amerikanerin, von der Kekse erbittet. Ich fahre weiter. Allerdings komme ich schon wieder nicht weit. Auf der anderen Straßenseite hängen vor einem Altwarengeschäft Kimonos. Ich brauche keine. Nachdem ich gezahlt habe, beschließe ich keinen Stopp mehr zu machen, weil es wieder kälter geworden ist.
In Nakano wird ‚ s McDonalds, weil dort der Tee billig ist und ein Platz frei. Kaum hatte ich mich zu einer jungen Dame an den Tisch dazu gezwängt, wird ein besserer Platz für mich frei und ich kann mit Katakanaschreibübungen beginnen. Ein Geschäftsmann kommt und packt umständlich seinen Laptop aus, den er dann zwei Tische weiter ansteckt. Ich schreibe weiter. Nach einiger Zeit begehrt ein lautes Klippen meine Aufmerksamkeit. Als ich aufsehe, klippt der Geschäftsmann gerade mit einem großen Nagelzwicker seine Nägel, die er dann dem Mistkübel übergibt. Niemand reagiert oder reagiert für mich wahrnehmbar, also tue ich es auch nicht.

Der Trainingsraum von Yuri ist immer stark überheizt. Aber dieses Mal bin ich vorbereitet. Deo erneuert und wie eine Zwiebel gekleidet. Aber wie der Teufel in einem Märchen, in dem er einen Handel mit einem Bauern eingeht und immer den Kürzeren zieht: Dieses Mal friere ich und wir machen Ballett. Wenigsten meine neusten Japanischkenntnisse erwärmen mein Herz. …mai, yoko ,ushiro
Yuri macht wie immer ein anstrengendest Warm-up. Dann ist Pause und danach übernimmt er. Völlig irre Aufgabenstellung. Wir beginnen zu erbrechen. Leicht riskante Anforderung. Wir sind Löw_innen aus Puder. Wir rasen durch die Nacht, durch Tokyo. Mit einem Schritt sind wir meilenweit. So schnell, dass wir manchmal selbst nicht wissen wo wir sind. Mit einem Schritt können wir von Nakano nach Shinjuku kommen. Die Löwin schnuppert dem Duft von Räucherstäbchen nach, blättert den Kalender an der Wand um. Dann ist die Löwin im finsteren Wald und über ihr nur die Sterne… Die nächste Aufgabe verlangt, dass wir Dampf sind. Dampf, der wie ein Bart zuerst links und dann rechts aus meinem Mundwinkel fließt. Dann schießt der Dampf in der Mitte hoch, wie beim Öffnen eines heißen Topfs…. Wir bestehen nur aus Haaren. Ich denke an die Fernsehserie „Es war einmal der Mensch“ Haare, die im Wasser treiben. Wir tun als Dampf alltägliche Dinge, die wir aber sofort wieder vergessen. Dann springt unser Kopf auf und unser Gehirn quillt heraus und fließt den Körper entlang.