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Morgens warte ich zu, weil ich hoffe, unser Gastgeber, der in Greifnähe im Durchgangszimmer schläft, muss zur Uni. Leider nein. Also starten wir gegen 10Uhr zu einer kleinen Sightseeingtour los. Im Gepäck ein alter bekannter noch von unserer letzten Reise: Mein Hautauschlag als Reaktion auf Nahrungsergänzungsmittel. Dieses Mal die Version Magnesium. Ich habe wie gewohnt aus ästhetischen Gründen und wegen dem Jugendschutz, die unansehnlichsten Stellen geschwärzt.

Gleich vorweg: Sapporo ist sicher eine schöne Stadt, um hier zu leben. Die Stadt ist nicht zu groß – drei Metrolinien – und das Klima angenehm. Aber als Ziel für eine Reise, deren Hauptinhalt Sehenswürdigkeiten sind, würde ich sie mir nicht auserkiesen. (Das ist bitte die Präsensform von „auserkoren“) Also informieren wir uns erst einmal, essen dann Reis mit Kaviar und machen uns auf dem Weg zum Workshop.

Ich bin angespannt und beginne zu zweifeln, ob es eine gute Idee war, einen Workshop bei jemandem zu besuchen, den ich bereits 2010 in London als Ekel erlebt habe. Aber nun ist es zu spät. Augen zu und durch.

Der Raum ist mit Tatamimatten ausgelegt und an den Seiten stapeln sich Polster, Bücher und Musikinstrumente, die mit Tüchern unbeholfen abgedeckt sind. Ich bin die erste und habe Glück: Itto erkennt mich nicht wieder. Außer mir nimmt noch ein junger Mann aus Chicago teil und wir tun viel.
Der Aufbruch und die Reise nach Sapporo verläuft so unspektakulär wie bisher der gesamte Aufenthalt in Japan. Mit einer guten Vorbereitung, der Fähigkeit nach dem Bahnsteig fragen zu können und dem Service des JR-Personals sind wir 20min vor Abfahrt am Bahnsteig; mehr als rechtzeitig.
Nach dem der Zug einfahren ist, stürmt das Reinigungspersonal die Abteile und reinigt in wenigen Minuten den Zug. Dann treten sie alle in einer Reihe vor dem Zug an und auf ein Zeichen der Vorarbeiterin verbeugen sich alle. Dass sie darüber hinaus geblümte Hemden und Blumen im Haar tragen, kann schon aus Zeitgründen nicht mehr beachtet werden.

Dass wir mit 300km fahren, kann man lediglich hin und wieder am erforderlichen Druckausgleich in den Ohren spüren. Ansonsten wenig aufregend, aber bequem. Kurz halte ich den Atem an, als wir in Sendai einfahren, aber von der Katastrophe ist zumindest beim Bahnhof nichts zu sehen. Am frühen Nachmittag erreichen wir Shin Hokodate. Dort müssen wir in einen Lokalzug umsteigen und werden vom Servicegedanken zum richtigen Bahnsteig getragen.
Wir sind nun auf Hokkaido und das Klima ist angenehmer, als in Tokyo. Ein freundlicher Sommertag ohne schwüle Hitze.


Gegen 18Uhr kommen wir schließlich in Sapporo an. Ich möchte gleich die Sitze für die Rückfahrt reservieren und steure das JR-Ticketbüro an, noch der Warteschlange werde ich gefragt, wie man mir helfen kann und der Mitarbeiter am Schalter druckt mir eine Fahrplan aus, wo ich wann umsteigen muss. Was führ ein Service.
Sapporeaner_innen haben eine besondere Eigenschaft: Sie sind sehr hilfsbereit. Wohl haben wir es bis zur entscheidenden Metrostation geschafft, aber dann begann das Suchen. Eine Japanischlehrerin, die sich in der Gegend auch nicht wirklich auskennt, findet unsere Unterkunft eher zufällig, aber immerhin. Sehr nett.


Nach Überwindung einer scheinbar übertriebenen Sicherheitsanlage, betreten wir eine kleine Wohnung, die sauber aber unaufgeräumt ist. Niemand da. Auch gut.
Rechts ist unser Raum. Wir legen unsere Sachen ab und besorgen etwas zu essen. Kurz Zeit nachdem wir wieder retour sind, kommt unser Gastgeber: Ryota, ein Student. Wir unterhalten uns kurz, klären Details und gehen schlafen. Morgen ist der erste Workshoptag. Oyasuminasai.
Nihon buyo ist ein klassischer japanischer Tanz, den ich bereits vor Jahren probiert habe; bei einer Technikerin im 22.Bezirk, irgendwo ganz draußen im Grünen, die für die Stunde €40.- verlangte.
Nun bietet es das Tourismuscenter for free an. Drei Mal. Immer sonntags. Man muss sich lediglich eine Zählkarte holen. Mach´ ich dann auch. Alles ist, wie fast überall hier, durchorganisiert. Bis ich im sechsten Stockwerk ankomme, werde ich mehrfach begrüßt. Mein Name wird nochmals überprüft. Dann heißt es wartet. Der Raum mit ansteigenden Sitzreihen ist gefüllt mit Tourist_innen. Manche wollen tanzen, viele sind Zuschauer_innen. Nach und nach werden alle in Yukatas (Baumwollkimonos gekleidet). Während dessen ist eine Dame darum bemüht, mit mir Small talk zu pflegen. Ein junger Mann ist zuständig für die breite Schleife um meinen Bauch. Dann darf ich wieder Platz nehmen. Während der Wartezeit geht eine andere Mitarbeiterin umher und fragt, ob sie beim Fotografieren helfen darf. „Do you have a camera?“ „Oh, no, thank you, it´s ok.“ Ich brauche keine Foto von mir im Kostüme. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht´s weiter mit einer kurzen Einführung über den Tanz und der Schleifenjüngling hat seinen Auftritt als Nihon buyo Sensei und erklärt, dass es unterschiedliche Stile gibt, das wir nun den weiblichen Stil tanzen werden, wie der Fächer zu gebrauchen ist und das Stück heißt; ein Text über Kirschblüten. Dann gibt es ein Quiz, was er mit dem Fächer denn zeigen mögen und dann wird geübt. Zweimal dürfen wir, dann wird uns gratuliert und ein Gruppenfoto gemacht. Die am Anfang verteilte Socken dürfen wir behalten, aber den Fächer müssen wir abgeben. Ich will von meinem ein Foto und werde genötigt, ihn gegen einen vermeintlich schöneren zu tauschen. Vor dem Gehen werden wir um Feedback gebeten.
Nach dem Workshop versuchen wir unser Flohmarktglück erneut. Ganz in der Nähe soll einer sein; über der Brücke, im Sumidapark. Dort ist eine andere Welt. Keine Tourist_innen wie im blicknahen Asakusa. Entlang des Flusses sitzen Menschen auf den steinernen Treppen am Wasser und machen Sonntag. Der Park ist fast menschenleer. Im Teich ein paar Schildkröten, die Flossen der stattlichen Kois unterschiedlicher Färbung ragen aus dem seichten Wasser und am Ufer wuseln Ratten. Kein Flohmarkt. Nun der Park ist langezogen, parallel zum Highway. Viellcith weiter vorne. Dort ist ein Fischplatz oder genauer: eingezäuntes Areal, das mich an die kostenfreien Freibäder im Augarten erinnert, in dem an einem Wasserbecken Männer sitzen und fischen. Ich frage ein Kioskverkäuferin nach dem Flohmarkt.Ihre Antwort verstehe ich (noch) nicht, jedenfalls auch hier ist es Essig mit einem Flohmarkt. Wir überqueren bei sengender Hitze neuerlich den Fluss. Vielleicht dort, denn dort ist ja auch Sumidapark und geben schließlich auf.
Ich weiß nicht mehr, wie viele Jahre ich N. einmal in der Woche getroffen habe, bevor ich sie im Frühsommer 2012 nach einem Abschied bei „Heißer Liebe“ vor dem Eissalon weinend zurückgelassen habe. Inzwischen hat sie zwei Kinder und wohnt in der Nähe von Shinjuku. Ich war mir sogar unsicher, ob ich sie wieder erkennen würde. Wir sind auf einer Stationsplattform der Yamanoteline verabredet. Ich bin zu früh und möchte unbedingt noch die Phrase recherchieren, die ich als höfliche Gästin sagen können sollte, wenn ich eine fremde Wohnung betrete. Aber das Internet ist für mich hier lausig. Im Café in Shinjuku habe ich schon den Mann neben mir gefragt, aber er sprach kein Englisch. Ich gehe den Perron auf und ab und suche mir ein Opfer. Eine junge Frau passt. „Sumimasen. Do you speak English?“ Sie lächelt verlegen. „Sukoshi?!“ (= ein wenig) setzte ich nach. Sie neigt den Kopf und antwortet:“ No, but do you speak Spanish?“ Dann versucht sie über Telefon jemanden für mich zu organisieren. Zum Glück fährt bald darauf ihr Zug ein, denn mir ist das hochnotpeinlich. Ich lasse die Recherche sein und warte weiter; oben. N. wartet unten.
Sie hat das Baby mit. Es ist krank und schläft tief. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung kaufen wir noch Nudeln „Chinesestyle“ und andere Zutaten für unser Mittagessen und tauschen erste Informationen aus, später dann auch Geschenke. Kurz hatte ich das Gefühl, dass wir uns nicht wirklich viel zu erzählen haben, aber das verflog bald. In Wien waren wir einander doch sehr ans Herz gewachsen.
Skurriles am Rande: Japanische Babys haben einen blauen Po. Ein wenig so, als hätte man sie in Stempelfarbe gesetzt. N. erzählt mir, dass eine Freundin von ihr in Wien ihr Baby in den Kindergarten gebracht habe und das Personal dort ob des blauen Hinterteils die Polizei verständigt hätte. Apropos Freundin: Meine neue Japanischlehrerin ist eine Freundin von N. Die Welt ist ein Dorf; auch in einer Stadt wie Tokyo.
Das Baby hat wieder Fieber. N. möchte ein Foto mit mir und dem Kind. Es weint. Naja.
Auf dem Weg zurück zur Station gehen wir noch in einen Hyakuenshop und ich werde auch fündig. „Es war schön, dich hier in Japan zu sehen!“ J
Nach einem kurzen Stopp in der Unterkunft, um zu duschen und meine Emails abzurufen, mache ich mich etwas zu spät auf nach Yotsuya sanchome. Dort gibt Natsu Nakajima eine open class. Auch wenn ich den Ort schon kenne, hätte ich doch gerne eine konkrete Adresse. Stattdessen steht im Email: „Take the museum exit (Ausgänge sind hier zumeist nummeriert), then Shinjukudirection, you see wing hotel, at the small chinese restaurant turn right, the building WAS an elementary school.“ Aber ich habe Glück und ein gutes Gedächtnis. Trotz leichter Verspätung muss ich einfach noch an der Kreuzung zwei Radfahrer fotografieren. (Siehe Jidensha-Parade)
Ich bin ca. 10 nach 19 Uhr vor Ort und bei weitem nicht die Letzte. Dass mich Natsu nicht gleich wieder erkennt, ist ihr offensichtlich peinlich und sie unterhält sich erstaunlich freundlich und lange mit mir. Die, die mich dieses Mal quält ist „a professional“ und kommt aus Kyoto. Nach Nachfragen erzählt sie mir, dass eine große Firma zweimonatige Intensivausbildung angeboten hat, wenn man dort arbeiten möchte und sie bietet „relaxation“ an.
Während der Massage und dem Aufwärmen muss ich die ganze Zeit an das denken, was V. über Natsus Unterricht gesagt hat. Dass sie mehr will, als mit ihrer Methode erreicht.
Nach und nach werden wir mehr. Sieben an der Zahl. Eine davon, eine junge Frau steht etwas abseits. Einzelne Übungen macht sie mit. Ihre Augen, ihr Mund und ihre Nase sind schmal und das Gesicht gelblichweiß. Sie muss sich, wie viele Frauen hier, viel Mühe geben, nicht braun zu werden. Sie spricht nicht (mit den anderen). Sie lächelt nicht und wirkt ein wenig gelangweilt oder auch widerständig.
Nach der unangenehmen bis schmerzhaften Massage folgt das Stretching. Natsu scheint darum bemüht, ihre für ihr Alter erstaunlich gute Beweglichkeit, zur Schau zu stellen, auch wenn sie bei jeder Bewegung stöhnt. Dann wird mir erklärt, dass Butoh is no theatreaction. It has to be seen as danceaction. Später dann in einer ihrer Demonstrationen spielt sich aber doch. Was nun sensei? Die Stimmung ist seltsam. Während sie scheint´s die blasse Frau herausgestellt, um sie etwas demonstrieren zu lassen, behandelt sie eine andere sehr roh, ja, schlägt sie sogar. Das gefällt mir nicht. Außerdem weiß ich nicht was sie will. Ich brauche nicht viele Worte, um Tanz zu verstehen, aber gar keine sind dann doch zu wenig. Doch zurück zur ersten Tanzübung: Natsu erzählt mir, dass 100% geben nicht genug ist oder so. Ihr Englisch ist leider nicht sehr gut. Dann bittet sie die erste Hälfte der Gruppe auf die Bühne, um zu Noiseart-Musik zu improvisieren. Die Frauen schlagen auf den Boden, stampfen und werfen sich durch den Raum. Ich überlege ernsthaft, darum zu bitten, nur zuschaun zu dürfen. Was soll das? Aber das sind die Momente, in denen alt werden Spaß macht. Irgendwas wird schon gehen. Und ich tanze halt irgendwas. Dann kommen die nächsten Erklärungen bzw. Diskussionen. Am Vortag war eine sehr gute Aufführung gewesen und Natsu ist der Meinung, dass TänzerInnen so was studieren müssen. Dann die nächste Übung. Ab nun wird mir nichts mehr erklärt. Wieder wird die gleiche Tänzerin angegangen. Wieder darf die blasse Schönheit etwas erklären. Wir gehen in Serpentinen durch den Raum. Change action. twistet movement. Ich weiß nicht was sie will und sie beachtet mich nicht. Die Gruppe wird wieder geteilt und improvisiert. Ich wünsche mir, dass die Stunde endlich vorbei ist. Dieses Mal bekommt die Blasse ein Feedback von einer Mittänzerin und nimmt es sehr kontrolliert voller Stolz. Meine Gruppe ist an der Reihe. Zum Abschluss bekommen wieder alle ein Feedback. Alle, außer mir. Sensei, du kannst mich gern haben! „It´s over now!“ Höflich bedanke ich mich und zahle. Als ich gehen will und mich verabschiede, gibt sie mir Flyer für ihren nächsten Workshop, um sie zu verteilen. Na, sicher! Mach´ ich doch gerne!
Ich verlasse etwas angesäuerlt die ehemalige Schule und erinnere mich an einen Laden bei der Station, wo ich mir im Winter immer etwas zu trinken gekauft habe. Ja, den gibt´s noch; inklusive 100 Yen Abteilung. Ich brauche Soba und Sojasauce. Denn seit gestern koche ich wieder selber.
Nach 22 Uhr komme ich in Asakusa an. Es ist Freitagabend und die arbeitende Bevölkerung im feierabendlichem Öl. Die Izakaya (jap. 居酒屋), japanische Kneipen, sind voller Menschen, die Bier trinken und dazu Kleinigkeiten essen. Zu dieser Tageszeit ist Asakusa wieder fest in der Hand der Einheimischen. Ich kaufe noch ein Lebensmittel und Bier im Supermarkt für das NACHTmahl. Es ist spät. Oyasumi nasai.
Das www sagt, in Tokyo gibt es free WIFI für Gaijins auch ohne die Daten der Kreditkarte preisgeben zu müssen und zwar im Tourismcenter. Als auf dorthin. Eine ältere Frau, die als Volunteer arbeitet Leider weiß sie nichts über diesen Internetzugang und auch der junge Kollege, der sie riskanterweise belehrt, kann uns auch nicht viel mehr sagen. Wir sind enttäuscht. Aber man möge es nicht glauben, es gibt auch ein Leben ohne Netz.
Wir fahren nach Akihabara, weil ich mich ernsthaft mit dem Gedanken trage, eine weiter Speicherkarte für die Kamera zu kaufen. Erstaunlicherweise sind die in Nippon echt teuer und ich disponiere um. Dann suche wir noch „Artre 1“ in der Hoffnung doch noch zu unbeschränktem günstigem Internet zu kommen: Leerlauf. Dort steht ein Automat, aus dem man/frau SIM-Karten ziehen kann. 5 Tage ca. 35 Euro; a bisserle viel…


Das Buchviertel, Jimbocho, finde ich praktisch im Schlaf. Auch das mehrstöckige Buchgeschäft meiner Wahl. Leider nicht alle Bücher meiner Wahl. Unweit davon suchen wir wieder ein Doutor-Café auf. Es ist bereits nach Mittag und eine Pause ist fällig. Im Lokal gibt es im 1.Stock einen RaucherInnenbereich, wo die Menschen apathisch vor sich hin qualmen. Im Erdgeschoss sind die wenige Plätze von einander durch Glaswände einzeln abgetrennt.
Um zumindest ein positives Shoppingerlebnis am heutigen Tag ins Diary schreiben zu können, fahren wir zu einem Hyakuenshop in Harajuku. Bücher wären mir lieber gewesen. Er ist nicht ganz so groß, wie V. versprochen hat und die Auswahl überzeugt auch wieder nur in der Summe. Also kaufen wir uns ein Crepé. Leider realisiere ich zu spät, das selbiges mit purem Schlagobers gefüllt ist; von wegen gesunde japanische Küche. Wir wollen im nahen Mejipark essen, aber werden vom Wachter am Tor vertrieben. „No eating“ In einer Ecke auf der Brücke essen wir dann, wollen aber immer noch in den Park, in dem so ziemlich alles und auch das verboten ist. Nach einer kurzen Rast auf der erstmöglichen Bank inklusive Gelsenattacke verlassen wir das Areal der Gedenkstätte wieder. Vielleicht auf ein anderes Mal.
