Tempel-tanz

Natsu hat wegen Erschöpfung zwar die Butohstunden ausgesetzt – sie fliegt im März nach Vancouver – aber ihre „workshops for handicaped people“ finden weiterhin jeden Samstag statt. Einmal in Yatsuya und einmal in Koenji. Diesesmal ist es an einem völlig anderen Ort, zu einer anderen Tageszeit. Der Workshop findet in einem buddhistischen Tempel statt. Natsu malt mir den Weg auf ein Stück Papier auf und weil die Dimension des Weges über den Blattrand hinaus geht, verwendet sie zwei Blätter, die übereinander zu legen sind.

Nachdem ich am Vorabend dann doch herausgefunden habe, wie die Station wohl heißt – der Tempel ist leider so unbedeutend, dass er im www. nicht repräsentiert ist – mache ich mich Samstag früh auf den Weg. Der Workshop beginnt um 13Uhr und ich will bei Oji Station noch verstohlen Fotos von einer Brandruine machen. Die Sonne scheint und das macht alles gleich viel freundlicher. Im Park sitzt ein Obdachloser auf einer Bank in Mitten seiner Habseligkeiten und isst Tintenfischbällchen. Die sind schön weich. Dabei zittert er. Die Ruine dürfte zweimal (ab)gebrannt (worden sein) haben, denn heute steht noch weniger als unmittelbar nach dem Brand. Immer noch liegen angekohlte Möbel und geschmolzenes Plastik herum. Ein Papierfächer mit der Darstellung diverser sexueller Handlung steckt immer noch in einer herausgezogenen Schublade, so wie ich ihn hinterlassen habe in der ersten Nacht, in der ich mich hier umsah. Damals traute ich mich keine Fotos zu machen. Was ist, wenn hier jemand umgekommen ist? Aber mit den Rauch verfliegen auch die Skrupel. Nichtzuletzt deshalb, weil ich nicht die einzige Jägerin bin. Ein Frau fotografiert und ein Mann wühlt scheinbar so nebenbei in einem Haufen leerer Schmuckschatullen nachdem der vorbeifahrende Polizist außer Sicht ist. Ein Holzteil fällt mir auf den Kopf, aber der Schreck ist größer als der Teil. Ich versuche nebst ein paar „netten“ Aufnahmen irgendetwas über die Menschen, die hier vielleicht lebten zu erfahren. Wo sind sie jetzt hin ? Standen die Häuser leer ? Auf der Steinmauer gegenüber liegt ein offenes Fotoalbum. Schiferien in den 80er Jahren. Plastikspielzeug, schmuddelige Decken und verbrannte Barhocker. „Das war die Mafia!“, weiß unsere Vermieterin. Aber wenn´s nach ihr geht, sind Japaner_innen ja auch paranoid und vor Allem die Männer alle schrecklich. Ich mag solche Verallgemeinerung nicht. Ich habe meine eigenen…

Bis zur angegebenen Station schaffe ich es mühelos. Dann hinunter auf die Straße. Hier soll irgendwo eine Bank sein. Mikz-…,aja, das ist die Bank. Die Straße weiter, jetzt bis zum Fluss. Wieder eine andere Gegend. Nette kleine Geschäfte, kaum Menschen auf der Straße. Rechts plötzlich ein Tempel. Aber da war doch noch kein Fluss oder? Ich habe noch reichlich Zeit. Das ist gut. Nach einer Runde auf dem Tempelgelände beschließe ich den Fluss zu suchen. Tatsächlich: da ist er und gleich danach ein weiterer Tempel. Rasch noch die Zeichen am Tor mit der Einladung verglichen. Passt.

Ich bin da und sehe auch schon den schielenden Farbfabriksmitarbeiter an der Tür. Drinnen sind sie dann alle: Natsu und die anderen Assistentinnen, der Namen ich mir ausnahmsweise nicht gemerkt habe. „Ikura desu ka?“ „1000 Yen“ und hier ist ein Plastiksackerl für ´s Geld. ??? Während ich das Plastik entfalte, wird mir erklärt, dass ich doch bitte nur mein Geld in den Tempelraum mitnehmen soll. Der Sack ist riesig (70 lt.) „How much money do people have?“ ich werde upstairs in einen kahlen Tatamirraum geführt, wo ich mich umziehen kann. Zur Sicherheit nehme ich nicht nur das Geld, sondern auch das Handy mit. Sicher ist sicher – da sind alle Interviews, die ich gemacht habe drauf – und vielleicht kann ich ein Foto machen. Ich werde weiter in einen großen Tempelraum geführt und bin eine der ersten. Verbeugen, lächeln, sich setzen. An der Stirnseite thronen drei riesige Buddhas in hellem Holz und mit unterschiedlichen Mudras. Geschmückt ist der Altar mit goldenen Blumenketten, die von der Decke hängen. Hier kann ich wohl nicht fotografieren.

Nach und nach wird der Raum mit Menschen gefüllt. Ein junger Mann macht laut redend eine Aufnahme des Raumes. Also wenn der kann, kann ich auch. Erst später merke ich, dass er einer der „handicaped people“ ist und ich bin unsicher, ob für ihn andere Spielregeln gelten als für mich… Die Gruppe wird schließlich sehr groß und Natsu nutzt die Workshopzeit für eine Vorstellrunde.

Nach dem Workshop gibt es Tee, kinkans, Kekse und anderes. Im Bücherregal der Mönche steht eine CD von „en vogue“, einer Frauenpopgruppe mit viel Busen und noch andere Blockbuster. Mein Sitznachbar beachtet mich zuerst nicht und dann kommt er auch gleich zum Wesentlichen „How old are you?“ Nachdem wir gegenseitig Höflichkeiten über unser jugendliches Aussehen austauschen ist das Gespräch zu Ende und ich wechsle an den Tisch von Natsu. Heute wird hier am Abend gebetet, ob ich bleiben möchte. Gerne. Ich helfe den Raum aufzuräumen und die Schiebetüren wieder in ihre Schienen zu setzen, dann esse ich meine Karotte. Die Mönchen verkaufen Seife, Holzschuhe und Unterwäsche aus „natürlichen“ Materialien. Ein Mann setzt sich zu uns, während wir warten. Er ist Maler und war schon in Österreich. Er malt Landschaften und Portraits und kommt aus Nagano. Dort liegt gerade Schnee. Die Mönchen verteilen Sitzkissen vor dem Altar. Der Raum wird abgedunkelt und ein Mönch beginnt mit dem Gebet. Der Reihe nach stehen die Leute auf, verbeugen sich gehen nach vorne, verbeugen sich wieder, streuhen Räucherwerk, verbeugen sich und gehen zurück. Bald bin ich dran. Wie war das nun, aufstehen, verbeugen, nein zuerst gerade zum Mittelgang, dann verbeugen, dann nach vorne, dann wieder verbeugen, dann hinknieen, tief verbeugen, räuchern, verbeugen, aufstehen, verbeugen (?) zurück. Nach dem Hinknieen rutschte ich nach Vorne und stoße an den kleinen Altar. Hoffentlich war das nicht so sehr zu hören…. Nachdem alle vorne waren, wird es still. Alle meditieren (?) Die Mönchen kratzen sich oder reden miteinander. Dann wird ein kleiner Ofen aufgestellt. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Sie gehen noch etwas trinken, ob ich mitkomme. Sicher.

Wir essen rohe Dorschleber, kleine Fischchen und mexikanischen Eintopf zum Bier. Dieses Mal komme ich günstiger davon. Auf dem Weg zur Station läd mich Natsu zur Probe am Sonntag in ihr Haus ein und nachher ins Onsen. Oyasuminasai.

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