Sensei

Den Mittwoch habe ich mir für Yoshito reserviert. In Yokohama bleibt mir etwas Zeit um mich im Bahnhofsshoppinglabyrinth umzusehen, bevor ich weiter nach Kami-hoshigawa fahre. Dort in einem Supermarkt neben der Station mit dem originellen Namen „Fuji“ kaufe ich rasch ein paar Lebensmittel; bei den Temperaturen im Studio werden die schon nicht so rasch schlecht und steuere wie immer den Minimarket an – liegt ja auch am Weg. „Kohi o kudasai“ „Ich?“ „Hai!“ Diesmal ist der nette Verkäufer mit dem Irokesenhaarschnitt da. (Kenn ich den schon? Er nickt so wissend.) Er gibt mir eine Bonuskarte für den Kaffee. Vier Kleber und ich bekomme einen gratis (wahrscheinlich). Der Rest des Abends kann also nur gut werden… Auf dem Weg greife ich noch eine verirrte japanische Flamencotänzerin auf, die auch zu Yoshito möchte. Das Studio ist dieses Mal geheizt und der Sensei pünktlich. Gestern sei ein amerikanischer Schauspiellehrer mit seiner Schülerin da gewesen, der vielleicht heute wieder kommt, erzählt Yoshito fast erfurchtsvoll. Dieser Schauspielerlehrer entpuppte sich als der Amerikaner, der unlängst zu spät kam. Pff. Was ich mir zu ihm und der jungen Frau dachte, möchte ich nicht näher ausführen. Ich bin einfach doch ein schlechter Mensch und meine Schauspielschule war bei weitem nicht so….exclusiv. Dann begann die Stunde und wir damit eines der kleinen Handtücher, die in Japan gerne in der Küche und für alles mögliche verwendet werden, in Liebe, Haß und Wut zu bearbeitet. Früher konnten die Kinder am Rücken ihrer Mütter erkennen, in welcher Stimmung diese waren; weil sie Tücher würgten. Heute würden die Frauen keine Tücher mehr benutzen. Der Amerikaner gibt sich redlich Mühe mir immer unsympathischer zu werden, indem der Yoshitos Anweisungen durch eigene Anweisungen an seine „Schülerin“ (sorry, aber die Anführungsstriche mussten sein.) ergänzt oder meint allen erklären zu müssen, was Ukiyo-e („Bilder der fließenden Welt“, Farbholzschnitte) sind, obwohl die anderen Japanerinnen waren und ich ihn nicht gefragt hatte.

Dann sollten wir „unsere“ Frau auf der Bühne finden. Yoshito sprach vom Kabuki, wo Frauen von Männern gespielt werden und es deshalb zur Kunst wird. Durch die Übersetzung war wohl etwas verloren gegangen. Ich kenne ein Zitat aus dem Kabuki, das besagt: Sage einer Frau, spiele eine Frau und sie fragt dich, welche. Sage einem Mann, spiele eine Frau und er spielt sie. Um „unsere“ Frau zu finden, gab er uns kleine Gymnastikbälle. Mit dieser Übung konnte ich erst etwas anfangen, als ich beschloß, einfach zu improvisieren und Frau Frau sein zu lassen. Yoshito sprach vom Uterus als einem geschützen Universum und zitierte Kazuo mit seinem Stück „Meine Mutter“.

Er erwähnte eine Tänzerin, die als Frau nicht nur in ihrer Mutter tanzen konnte/kann, sondern auch als Mutter….

Dann wird ein riesiger runder niedriger Tisch zum Mond und Yoshito erzählt uns von den Fotoserien, die Kazuo für seine Stücke gemacht hat. Wir sollten uns fotografiert fühlen und unseres Rückens bewusst. Diese Stunde machte wieder einmal Sinn, Sensei.

Beim anschließenden Tee trinken, versuche ich den Herrn Schauspiellehrer zu ignorieren – als er mit Sushifingern die Zeitungsartikel über Yoshito angreift, als er der netten japanischen Studentin anschafft, sie solle gefälligst übersetzen und als er eine ungarische Zeitschrift als „from Yugoslavia“ identifiziert. „Do you know Bob Wilson?“, fragt er Yoshito. “ You should meet him. He‘ s a friend of mine.“ Als er Yoshito dann auch noch nach New Mexico für eine Performance und einen Workshop einlädt, zerfließt selbiger vor Glückseligkeit und beeilt sich ein schenkbares Poster zu finden. Ich helfe ihm mit dem Paket der Plakate von irgendeiner Kazuo-Aufführung und er sucht ein Gummiringerl. „Sensei!“ ich biete im ein Stück Schnur und verpacke das Poster noch nett für den Herrn Schauspiellehrer, der leider morgen schon wieder abreist. „Sensei, domo arrigato gozaimasu!“ „Samui“ „Hai, totemo samui“ Gute Nacht.

Auf der Heimfahrt halten die Keiseis müde ihre Alkoholfahnen hoch. Einer von ihnen sieht mich mit einem Blick an, der eher ins Spätabendprogramm einiger Privatsender passen würde. Ich drehe mich (ab)dankend weg. Ich stehe nur auf der Bühne als Objekt der Betrachtung zur Verfügung.

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