Zen

Samstag fuhr ich wieder nach Yokohama zu Yoshito Ohno. Eigentlich hatte ich keine rechte Lust dazu. Vor meinem geistigen Augen erschien immer wieder eine Zenweisheit, die in Wien über meinem Arbeitsplatz hängt und die besagt: “ Folge nicht den Spuren der Meister. Suche was sie gesucht haben.“ Erst das Lesen in meinem Roman hob meine Stimmung; die Figuren waren mir sympathisch.

Eigentlich liegt das Tanzstudio nicht direkt in Yokohama, sondern zwei Stationen weiter in Kami-hoshigawa, einem kleinen Nest entlang einer stark befahrenen Durchzugsstraße. Dieses Mal hat mir der 50/50 Joker genutzt und ich habe NICHT den Alarm auf der Bahnstation ausgelöst, wie beim letzten Mal, wo ich den Knopf für die Spülung mit dem Alarmknopf verwechselt habe.

Ich war bewusst zu früh gekommen, um mich ein wenig umzusehen. Doch es gibt dort nicht viel. Eine Einkaufsstraße mit drei Supermärkten neben dem Bahnhof und ein paar kleinere Geschäfte, die gerade schlossen. Es ist sieben Uhr abends. Ein Geschäft mit Arbeitskleidung an der Hauptstraße. Ich würde gerne eine Arbeitshose kaufen, aber der Verkäufer mustert mich skeptisch und räumt auch gerade sein Geschäft ein und ich habe auch sicher nicht genug Bargeld mit; Das nächste Mal. Nachdem ich eine kleine Kommunikationsstörung mit dem Verkäufer im Minimarkt um den Kaffee für mich geklärt hatte, fiel mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein: Ich wohnte mit meinen Eltern in einem Block, der parallel zum Gelände eines Frachtenbahnhofs liegt. Zwischen den Wohnhäusern und dem Bahnhof liegt eine wenig befahrene Straße, wo die Kinder der Gegend spielen durften; jeweils unter den Fenstern der elterlichen Wohnung. Den Block durfte ich nicht verlassen, nur umrunden. Auf der anderen Seite gab es eine Konditorei, die Süßigkeiten stückweise verkaufte; Mannerzuckerl (mag ich immer noch nicht), Colaflascherl-süß und sauer, Erdbeerschnüre, Sprüche und Kokosstangerl. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was die gekostet haben, aber sie waren wohl eher ein Ausnahmeerwerb. So beschloss ich eines Tages, zu sparen, um mir eine ganze Packung kaufen zu können. Aber nicht in der Konditorei, sondern im Konsum und sie alle auf einmal aufzuessen. Gesagt, getan.  Die Supermarkt-kokosstangerln waren ganz anders als die in der Konditorei. Zwar waren sie auch unnatürlich rosa, weiß und braun, aber vor Allem sie waren weich! – sehr irritierend. Gut, gekauft und alle sofort gegessen und dann….kratzte der Zucker im Hals.

Ist diesmal der Besuch bei Yoshito Ohno mein japanisches Kratzen im
Hals ? oder haben wir nur einen schlechten Start ? Ist nach dem Tod von Kazuo Ohno die Luft draußen ?

Ich steige den Hügel hinauf zum Studio. Alles ist dunkel. Eine ältere Frau eilt aus dem Wohnhaus nebenan herbei; sumimasen! sumimasen! Der Sensei würde gleich kommen. Wir suchen gemeinsam den Lichtschalter und sie bemüht sich um die Heizung. Es ist kalt. Wir warten und unterhalten uns.

Und der Sensei kam schließlich. Eine halbe Stunde zu spät. Sumimasen, er hatte Probe. Akemashite omedetou gozaimasu. Das dachte ich mir. Wir improvisieren wieder zu „Amazing grace“. Drei Amerikaner_innen, die mir schon im Ort aufgefallen waren, kommen zu spät und damit ist die Stunde zu Ende. „Zum Sensei kommt man nicht zu spät!“ und strafe sie mit Missachtung bis zum Bahnhof. Sie werden es überleben….Ich sehe wieder die Dokumentation über Pina Bausch, Jugendliche tanzen Kontakthof und friere ganz fürchterlich trotz Tee und Keksen. Yoshito verteilt Bilder von Kazuo Ohno, die er nicht mehr braucht.

Diese Stunde bezahle ich nicht….

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