Woran erkennt man einen touristischen Hotspot? Am WC riecht es streng und es gibt keine Seife zum Hände waschen und keine Handtücher zum Abtrocknen. Aber ehrlich: War das in Nara Gegebene so überraschend? Ein kleiner Ort, geografisch günstig gelegen, eine Hand voll Tempel in Gehnähe und jede Menge handzahmer Wildtiere in passendem Format; auch kreativ Minderbegabte können sich diese Situation imaginieren. Doch nun alles schön der Reihe nach: Wir verschlafen, eigentlich ich verschlafe, denn ich habe die Weckerinnenhoheit. Warum auch immer, es hat nicht geläutet oder so. Wir starten also ca. mit einer Stunde Verspätung Richtung JR Awaji Station ohne genau zu wissen, wo die Station ist. Mit Fragen und einem Rapid Train erreichen wir Nara schlussendlich mit einer zeitlichen Abweichung von ca. 30min. Das ist OK. Unsere Tour in Nara beginnt im Tourists Info Center, das vorbei an Vertreterinnen der Zeugen Jehovas neben dem Bahnhof liegt. Ein Mehr an Infos kann sicher nicht schaden.

Unsere Tour startet ausgestattet mit einem weiteren Vorschlag einer Route in leichtem Regen. Auf der Sanjo-Dori erkennen wir das Rinnsal, durch das sich die Masse der Tourist*innen rauf wie runter wälzt, bei schönerem Wetter mehr als jetzt. Wir versuchen auf eine parallele Straße auszuweichen. Nichtzuletzt, weil eine der Reiseführerinnen dieses Grätzel hervorhebt. Es dauert nicht lange und wir haben eher unerwartet den ersten Tierkontakt. Wir stehen Mitten im Areal des Kofukuji Tempels mit vielen anderen Tourist*innen und einigen Hirschen. Ich möchte keine Grundsatzdiskussion über das Ichbewusstsein von Tieren starten, aber die hier haben sich, scheint´s, resigniert in ihr Schicksal ergeben und erwarten vom Leben nicht mehr als ein paar Cracker. Einzelne wirken verstört, haben kahle Stellen am Kopf, eine lahmt. Insgesamt ein trauriges Bild. Ich mache ein paar Fotos. Keinen der Tempel möchte ich dort betreten. Sie sind schon lange kein Ort der Spiritualität oder Besinnung. Auch die Idee, die Perversionen zwischen Besucher*innen und den Tieren zu dokumentieren, verflüchtigt sich bald. Bis auf das Fotos des Pärchens, das wirr gestikulierend vor den Tieren auf und ab hüpft, um selbige dann mit nicht tiergerechtem Futter zu belohnen. Interpunktion (Ursache und Wirkung): Paul Watzlawick könnte an diesem Schauspiel, das sich hier, wohl in einer Schleife ständig zu wiederholen scheint, seine Freude haben. Nur weg von hier. 
Wir disponieren um. Zurück über den ausgetretenen Kilometer kaufen wir laumwarme Yomogi, die weg gehen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln und es eines Security-Herren bedarfs, um die Menschen zu lenken.
(„grüne“ Mochi mit Azukibohnenfüllung gewälzt in geröstetem Sojabohnenmehl.)
Wir essen etwas abseits des Bahnhofs in einem Matsuia, unserem derzeitigen Dinner-Favorite. Danach wollen wir statt weiterer Tempelbesichtigungen zum ehemaligen Wohnhaus von Shiga Naoya.
„Novelist. Born in Miyagi. He grew up with his grandparents in Tokyo. A graduate of Gakushuin Senior High School, He left Imperial University of Tokyo before graduation. In 1910, he launched the magazine „Shirakaba“ with Saneatsu Mushanokoji, Takeo Arishima, and other staff. He published „Abashiri made“ (To Aabashiri). After taking some breaks in his writing activities and living in several places including Onomichi, Matsue, and Kyoto, Shiga published „Kinosaki nite“ (At Kinosaki) (1917), „Wakai“ (Reconciliation) (1917), „An’ya koro“ (A Dark Night’s Passing) (1921-1937), and several other works. He was called „bungaku no kamisama“ or patron saint of literature and had a great influence on many storywriters. In 1949, he was awarded the Order of Culture.“ Quelle: https://www.ndl.go.jp/portrait/e/datas/273.html
Am Ende des Tages entdecke ich einen Markt bei Awaji Station und darin einen günstigen Supermarkt mit angeschlossenem 100Yen-Shop. Der Fruchtsaft und das Bier ist zwar teurer als anderswo, aber auch hier gibt es „gebrauchte Lebensmittel“ (Mit gebrauchten Lebensmittel benenne ich jene, die aus unterschiedlichsten Gründen – zumeist wegen des nahenden Ablaufdatums – verbilligt sind. Das ist mir neu in Japan.)
In der Jazz-Bar in unserem Block wird gerade Livemusik gespielt, als ich in die Straße einbiege. Durch die Fenster sieht meine ein Trio, die spielen. Es sieht und hört sich nett an. Ein netter Abschluss des Tages.