Butoh ist tot – Es lebe Kazuo Ohno

Präambel: Datscha im Burgenland hin oder her, es zieht mich nun einmal nicht sehr oft in die Natur. Wenn dann doch liege ich meistens in der Hängematte und döse dahin. Manchmal, aber wirklich nur manchmal bin ich motiviert genug, um mich ins Gelände zu begeben. Dort kommt es dann vor, dass mir in der Ferne ein Punkt attraktiv genug erscheint, ihn anzustreben. Aber wie das Leben so spielt, kommt die Ferne näher, erscheint der Ort der Faszination garnicht mehr so interessant….

Mittwoch fahre ich wieder zwei Stunden nach Kami-hoshigawa. Nicht zuletzt um Bonuspunkte für den Kaffee im Minimarkt zu sammeln. Als ich das Studio betrete, steht Yoshito alleine bei der Technik. Er trägt eine übergroße schwarze Wollhaube und hantiert ziellos mit einer CD herum. Es riecht säuerlich nach Alkohol. Er bedeutet mir, dass wir noch warten. „Where do you come from?“ Oh Sensei! immer noch aus Wien! Umständlich erklärt er mir, dass er sich nicht gut fühlt und dann schweigen wir wieder. Ich ahne,was jetzt kommt. „Mita? Video?“ Weil außer mir niemand zum heutigen Workshop gekommen ist, wird wieder einmal ein Video serviert. In der Ecke steht eine Flasche Rotwein mit dem hinein gedrehten Korkenzieher…

(2011 von einem mexikanischen Tanzschüler)

Während er eine DVD sucht und wir gemeinsam den Fernseher in Gang setzen, kommt noch ein russisches Mädchen, aber es bleibt dabei: Wir sehen ein Video. Die erste DVD funktioniert nicht so richtig! „Chotto sound!“ Zu sehen ist ein Interview mit Kazuo Ohne in seinem Studio neben ihm sitzt Yoshito, die Kiefer fest aufeinander gepresst. Es war wohl nicht immer einfach, Sohn zu sein. Ein anderes Video muss her, eines das funktioniert; Eine Aufführung aus Göttingen von 1998.

Einmal sagte jemand zu mir, dem ich von Butoh erzählt hatte und der wenig später eine Dokumentation darüber im Fernsehen gesehen hatte, Butoh, das sind alte Männer, die sich weiß schminken und Frauenkleider tragen. Ja, in diesem Fall trifft es diese Definition durchaus. Kazuo und Yoshito wirkten auf der Bühne wie Frankstein und seine Braut. Kazuo hüpfte herum und hielt die Spannung dadurch aufrecht, dass man den Verlauf seiner Bewegungen nicht im geringsten erahnen konnte. Dazwischen hob Yoshito mit pathetischer Geste die Arme gegen den Himmel und legte den Kopf schief bis zur Verbeugung. Naja, also…

Das wirklich spannende, die wirkliche Performance an diesem Abend war allerdings nicht die DVD, sondern das, was ich als Reflexion im Fernseher sehen konnte: An manchen Punkte der Aufzeichnung hob Yoshito hinter uns die Arme und erinnerte an Caligari, tanzte ein wenig und ging dann wieder vor der Technik auf und ab, versucht sich zu setzen, stand wieder. Irgendwann nahm er die Rotweinflasche und verschwand damit in der Damengaderobe vor dem WC. Möglichst unauffällig trug er dann die offene Flasche zurück zur Technik und trank bis zum Ende des Videos verstohlen die Hälfte des Weines. Na fein, jetzt gibt es nicht einmal mehr einen kalten Rotwein…

Dann kommt Kenji Yamaguchi (der finster blickende stumme Herr von den letzten Malen), eine ehemalige Pflegerin von Kazuo Ohno und schließlich auch noch Yoshitos Manager, aber wir sehen weiter Videos. Nach dem Video wird dann doch endlich Tee und Wein ausgeschenkt und gebratene Tofutaschen und Kekse serviert. Yoshito wird immer betrunkener und hält Reden, die Kenji dankenswerterweise irgendwie ins Englische übersetzt. Wir sind gekommen, weil er, Yoshito, Hiroshima/Nagasaki in sich trägt. Das russische Mädchen ist verzückt. „what a great honour to be with such a great dancer!“ Inzwischen brennt der Manager ein Elektrokabel durch und Schluss ist es mit der Zusatzheizung, die das Studio etwas erträglich gemacht hatte… Kenji fragt mich nach Michael Weiss. Er hat 2000 eine Dissertation über Butoh veröffentlicht und das erste Mal lächelt Kenji. „He is a close friend!“

Yoshito monologisiert wieder. Er hatte chinesische Antiquitäten an Chines_innen verkauft und wegen Fukushima kommen die nicht mehr. Er schuldet der Bank Geld, weil er irgendetwas gekauft hat und die Raten nicht zahlen kann. Macht es überhaupt für die Leute dort Sinn, in Vankouver aufzutreten? Dann übersetzt Kenji nicht mehr. „Do you understand, what he is saying?“ „No, Wakarimasen.“ „That´s better so!“

Yoshito erzählt er war im Krankenhaus. Er fühlt sich nicht gut. „Should we leave?“ „No,no“. Aber Kenji geht und wir brauchen noch eine Weile, eine Runde Gruppenfotos und 2000 Yen  um aus diesem Trauerspiel abgehen zu können. Das russische Mädchen ist immer noch entzückt. Ich erzähle ihr von Yuri und wir tauschen Emailadressen aus. „Oyasuminasai.!“

Nun habe ich also diesen äußerst fanszinierenden Punkt „Butoh“ in der Ferne angestrebt und stehe schlussendlich auf einem Parkplatz an einer Autobahn im Nirgendwo…

Am nächsten Tag treffe ich mich zuerst mit Yumiko und sie redet eine Stunde über Butoh und sagt auch sehr Interessantes über Butoh als Therapie. Dann gehen wir beide zu Yuris Workshop in diese überheizte Volkshochschule und ich beginne mich darüber zu ärgern. In der Pause laufen wir auf die Straße zu einem Getränkeautomaten, denn das Wasser sollte man nicht trinken. Danach tanzen wir Pflanzen und ich stehe dort und finde zwar die Idee grandios, aber mich fehl am Platz….Und morgen bin ich krank!

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