Takao Yamashita-San

Ein Besuch im Edomuseum ist auf jeden Fall zu empfehlen. Einerseits weil in dieser riesigen düsteren Hall die Geschichte Edos sehr ansprechend aufbereitet ist und andererseits weil man eine Gratisführung durch eine volunteer guide in Anspruch nehmen kann. Unserer heißt Takao Yamashita und hat im Verkauf für eine amerikanische Firma gearbeitet. Er erzählt Geschichten darüber wie die Menschen während der Edozeit gelebt haben und ist ganz entzückt darüber, dass ich Noh und Kabuki kenne. Er will unbedingt nach Wien kommen. „Dann werde ich eine Führung in Japanisch anbieten!“ “ Ok, ich komme nächste Woche!“ (Japanischer Humor)

Nun aber zu den kleinen Geschichten, die Takao-San erzählt hat:

Wenn man das Museum im dritten Stock betritt, so kommt man in eine riesige Halle in deren Mittelpunkt die Nihonbashi als begehbares Modell steht.

Bashi bedeutet Brücke und die Nihonbashi, also die japanische Brücke verbindet wichtige Teile der Stadt über den Nihonbashi-Fluss. (Bitte nicht fragen, wie der Fluss nach der Brücke benannt sein kann. Ich weiß es nicht…) Die erste Version der Brücke wurde 1603 aus Holz fertiggestellt. Die heutige steinerne Fassung 1911. Heute noch nehmen von diesem Punkt aus die fünf wichtigsten Highways durch das Land ihren Anfang. Zur damaligen Zeit war das Gebiet rund um die Brücke ein wichtiger Handelsplatz, auch der Fischmarkt war ursprünglich dort angesiedelt. Berühmt wurde diese Brücke im 17. Jahrhundert unter dem Namen Edobashi, weil von hier aus der Weg nach Kyoto führte. Um bei einem Feuer eine Katastrophe zu verhindern, wurden vor der Brücke so genannte Feuerschutzareas errichtet. Dort durften keine festen Häuser gebaut werden. So entstanden an den Ufer Flaniermeilen mit kleinen Restaurants u.ä. Übrigens gibt es ein Sprichwort: „fire and fights are the flower of edo“ Denn der wirtschaftliche Auffschwung Edos begann nach dem großen Feuer im Jahr 1657.

Eine Zeichnung, die unmittelbar nach dem großen Feuer Edo zeigt. Ein Ort der Verwüstung. 100 000 Menschen starben.

Die Kämpfe beziehen sich auf den Wettstreit von den Feuerbrigaden untereinander. Diese gesponserten Helden waren nur an spektakulären Feuern interessiert oder an jenen, die ihre Geldgeber_innen betrafen.

Eine zeitgenösische Darstellung dieser Truppen. Der Anführer trug deren „Zeichen“ auf einer Stange und positionierte sich auf dem Dach oder irgendwo oben halt, von wo er dann die Befehle gab. Er war aus der Truppe der Superhero und hatte einen eigenen Assistenten, der seine Uniform naß hielt, damit er nicht anbrannte.

Weiter gings zu einem Modell einer Daimyo-festung. Ein Daimyo war ein lokaler Herrscher, der dem Shogun einmal im Jahr die Aufwartung machen musste und selbigem unterstand.

Deren Häuser hatte besonders geschmückte Tore, die ausschließlich dem Shogun vorbehalten waren.

Fürstlich gereist wurde in eine Senfte inklusive Träger_innen (ja, starke Frauen trugen die feinen Damen) und Ersatzmannschaft. Allerdings waren die Dinger nicht sehr bequem und so wurden sie nur zum Einzug in die jeweilige Stadt benutzt um zu repräsentieren.

Der Plan einer examplarischen Stadt dieser Zeit. Es gab Stadttore, die nur zu bestimmten Zeiten offen waren. D.h. Fremde konnten nicht unbemerkt in die Stadt; wussten es die Wächter, wussten es alle. Der blaue Streifen in der Mitte zeigt die Wasserkanäle, einer der ersten baulichen Maßnahmen des berühmten Shoguns. Jedes weiße Rechteck entspricht einem Familienhaus. In der Mitte des Blocks gab es die einsehbaren Gemeinsschafttoilette und den Brunnen. Wie bei uns die Basena. Am Morgen kam ein Händler, der die nächtlichen Ausscheidungen kaufte und an die Bauern weiter verkaufte. Ein geschlossenes Ökosystem.

Takao-San erzählt auch davon, wie er nach dem Krieg in einem dieser kalten Häuser gewohnt hat, deren wohl einziger Vorteil es war, dass sich durch den Luftzug im Haus kein Kohlenmonoxyd ansammeln konnte.

Eine Revolution des Informationsmanagement stellte die Erfindung des Holzfarbschnittes dar. Die ersten tauchten im 17.Jahrhundert auf. Die künstlerischen Versionen davon werden Ukyo-e genannt. Hier die Herstellung:

Die künstlerische Version davon ist besser unter Ukyo-e bekannt. Am bekanntesten ist „die Welle“, die in Europa die Impressionist_innen auf Grund ihrer neuartigen Perspektive maßgeblich beeinflusste.

Im 18.Jahrhundert wurde so, wie bei uns Zeitungen vertrieben und nicht zuletzt die „Yellow press“ geboren.

Ein Zeitungsverkäufer (18.Jh.), der die Nachrichten (wahrscheinlich nur die Schlagzeilen) singend durch die Straßen zog, um so seine Zeitung zu verkaufen.

Publikationen dieser Zeit. Bekannt sind auch die „100 Ansichten Edos“, die diverse Station auf der Reise von Edo nach Kyoto festgehalten haben. Ansonsten waren Darstellungen von Kabukischauspieler (auch privat) oder auch von populären Sumoringern beliebt.

Geld der Edozeit. Das Maß war Reis. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen verwendeten unterschiedlichen Münzen. Keine Ahnung, wie das funktioniert hat…

Apropos Geld, Handel, usw. Eine sehr erfolgreiche Neuerung war das erste Departmentstore in dem wohlhabende Leute Kimonos von der Stange kaufen konnten. Nicht zuletzt sehr beliebt, weil den begleitenden Diener_innen Tee angeboten wurde und die deshalb ihre Herrschaft zum Einkauf im Etablisement animierten. Das Besondere daran war: Bisher waren die Händler durchs Land und von Haus zu Haus gezogen, hatten ihre Waren dort gelassen und im Jahr darauf ihr Geld kassiert. Nun kamen die Kund_innen zu den Händler_innen und zahlten gleich. Um vor dem Feuer sicher zu sein, wurde die Ware in einem Lagerhaus abseits aufbewahrt. Zu Verkäufern wurde nur Buben aus einer bestimmten Gegend ausgebildet und niemand aus der Gegend um das Store herum, weil das als unsicher galt. Die Burschen mussten arbeiten und bekamen eine Ausbildung. Nach zehn(!) Jahren hatten sie das erste Mal Urlaub. Kaum einer von ihnen arbeitet länger als bis 30, weil sie alle an der „Edokrankheit“ litten. Die Edokrankkheit wird durch den Mangel an Vitaminen einer einseitigen Ernährung ausgelöst. Danach gingen die jungen Männer wieder zurück in ihre Dörfer.

Die Bedeutung der Delphinfigur auf den Tempeln/Shrinen hat er uns auch erklärt: Die schützen vor Feuer, weil Delphine das Feuer meiden.

Zum Abschluss tauschen wir noch Höflichkeiten und unsere Emailadressen aus. Fünf Stunden später hatte ich die ERSTE Nachricht von Takao-San. Ich fürchte, dass wir der Beginn einer wunderbaren Freundschaft…

Nach dem obligatorischen Besuch des Museumsshops sind wir draußen. Dort dämmert es inzwischen und das gegenüber liegende Sumoringermuseum hat auch nicht offen. Allerdings begegnen uns in der Gegend eine Reihe von schwergewichtigen Herren nebst Begleitung und wir machen um sie respektvoll einen Bogen. Dann brauchen wir Kaffee…

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