{"id":804,"date":"2012-03-10T23:31:41","date_gmt":"2012-03-10T23:31:41","guid":{"rendered":"http:\/\/insho.wordpress.com\/?p=804"},"modified":"2012-03-10T23:31:41","modified_gmt":"2012-03-10T23:31:41","slug":"tempel-tanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/2012\/03\/10\/tempel-tanz\/","title":{"rendered":"Tempel-tanz"},"content":{"rendered":"<p>Natsu hat wegen Ersch\u00f6pfung zwar die Butohstunden ausgesetzt &#8211; sie fliegt im M\u00e4rz nach Vancouver &#8211; aber ihre &#8222;workshops for handicaped people&#8220; finden weiterhin jeden Samstag statt. Einmal in Yatsuya und einmal in Koenji. Diesesmal ist es an einem v\u00f6llig anderen Ort, zu einer anderen Tageszeit. Der Workshop findet in einem buddhistischen Tempel statt. Natsu malt mir den Weg auf ein St\u00fcck Papier auf und weil die Dimension des Weges \u00fcber den Blattrand hinaus geht, verwendet sie zwei Bl\u00e4tter, die \u00fcbereinander zu legen sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/xn--zwlf-6qa.at\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/plan1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-964\" title=\"plan\" src=\"https:\/\/xn--zwlf-6qa.at\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/plan1.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"642\" srcset=\"https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/plan1.jpg 320w, https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/plan1-150x300.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nachdem ich am Vorabend dann doch herausgefunden habe, wie die Station wohl hei\u00dft &#8211; der Tempel ist leider so unbedeutend, dass er im www. nicht repr\u00e4sentiert ist &#8211; mache ich mich Samstag fr\u00fch auf den Weg. Der Workshop beginnt um 13Uhr und ich will bei Oji Station noch verstohlen Fotos von einer Brandruine machen. Die Sonne scheint und das macht alles gleich viel freundlicher. Im Park sitzt ein Obdachloser auf einer Bank in Mitten seiner Habseligkeiten und isst Tintenfischb\u00e4llchen. Die sind sch\u00f6n weich. Dabei zittert er. Die Ruine d\u00fcrfte zweimal (ab)gebrannt (worden sein) haben, denn heute steht noch weniger als unmittelbar nach dem Brand. Immer noch liegen angekohlte M\u00f6bel und geschmolzenes Plastik herum. Ein Papierf\u00e4cher mit der Darstellung diverser sexueller Handlung steckt immer noch in einer herausgezogenen Schublade, so wie ich ihn hinterlassen habe in der ersten Nacht, in der ich mich hier umsah. Damals traute ich mich keine Fotos zu machen. Was ist, wenn hier jemand umgekommen ist? Aber mit den Rauch verfliegen auch die Skrupel. Nichtzuletzt deshalb, weil ich nicht die einzige J\u00e4gerin bin. Ein Frau fotografiert und ein Mann w\u00fchlt scheinbar so nebenbei in einem Haufen leerer Schmuckschatullen nachdem der vorbeifahrende Polizist au\u00dfer Sicht ist. Ein Holzteil f\u00e4llt mir auf den Kopf, aber der Schreck ist gr\u00f6\u00dfer als der Teil. Ich versuche nebst ein paar &#8222;netten&#8220; Aufnahmen irgendetwas \u00fcber die Menschen, die hier vielleicht lebten zu erfahren. Wo sind sie jetzt hin ? Standen die H\u00e4user leer ? Auf der Steinmauer gegen\u00fcber liegt ein offenes Fotoalbum. Schiferien in den 80er Jahren. Plastikspielzeug, schmuddelige Decken und verbrannte Barhocker. &#8222;Das war die Mafia!&#8220;, wei\u00df unsere Vermieterin. Aber wenn\u00b4s nach ihr geht, sind Japaner_innen ja auch paranoid und vor Allem die M\u00e4nner alle schrecklich. Ich mag solche Verallgemeinerung nicht. Ich habe meine eigenen&#8230;<\/p>\n<p>Bis zur angegebenen Station schaffe ich es m\u00fchelos. Dann hinunter auf die Stra\u00dfe. Hier soll irgendwo eine Bank sein. Mikz-&#8230;,aja, das ist die Bank. Die Stra\u00dfe weiter, jetzt bis zum Fluss. Wieder eine andere Gegend. Nette kleine Gesch\u00e4fte, kaum Menschen auf der Stra\u00dfe. Rechts pl\u00f6tzlich ein Tempel. Aber da war doch noch kein Fluss oder? Ich habe noch reichlich Zeit. Das ist gut. Nach einer Runde auf dem Tempelgel\u00e4nde beschlie\u00dfe ich den Fluss zu suchen. Tats\u00e4chlich: da ist er und gleich danach ein weiterer Tempel. Rasch noch die Zeichen am Tor mit der Einladung verglichen. Passt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/xn--zwlf-6qa.at\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/tempel-auc39fen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-954\" title=\"tempel au\u00dfen\" src=\"https:\/\/xn--zwlf-6qa.at\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/tempel-auc39fen.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"592\" srcset=\"https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/tempel-auc39fen.jpg 691w, https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/tempel-auc39fen-300x278.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich bin da und sehe auch schon den schielenden Farbfabriksmitarbeiter an der T\u00fcr. Drinnen sind sie dann alle: Natsu und die anderen Assistentinnen, der Namen ich mir ausnahmsweise nicht gemerkt habe. &#8222;Ikura desu ka?&#8220; &#8222;1000 Yen&#8220; und hier ist ein Plastiksackerl f\u00fcr \u00b4s Geld. ??? W\u00e4hrend ich das Plastik entfalte, wird mir erkl\u00e4rt, dass ich doch bitte nur mein Geld in den Tempelraum mitnehmen soll. Der Sack ist riesig (70 lt.) &#8222;How much money do people have?&#8220; ich werde upstairs in einen kahlen Tatamirraum gef\u00fchrt, wo ich mich umziehen kann. Zur Sicherheit nehme ich nicht nur das Geld, sondern auch das Handy mit. Sicher ist sicher &#8211; da sind alle Interviews, die ich gemacht habe drauf &#8211; und vielleicht kann ich ein Foto machen. Ich werde weiter in einen gro\u00dfen Tempelraum gef\u00fchrt und bin eine der ersten. Verbeugen, l\u00e4cheln, sich setzen. An der Stirnseite thronen drei riesige Buddhas in hellem Holz und mit unterschiedlichen Mudras. Geschm\u00fcckt ist der Altar mit goldenen Blumenketten, die von der Decke h\u00e4ngen. Hier kann ich wohl nicht fotografieren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/xn--zwlf-6qa.at\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/dsc02243.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-955\" title=\"DSC02243\" src=\"https:\/\/xn--zwlf-6qa.at\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/dsc02243.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/dsc02243.jpg 640w, https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/02\/dsc02243-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach und nach wird der Raum mit Menschen gef\u00fcllt. Ein junger Mann macht laut redend eine Aufnahme des Raumes. Also wenn der kann, kann ich auch. Erst sp\u00e4ter merke ich, dass er einer der &#8222;handicaped people&#8220; ist und ich bin unsicher, ob f\u00fcr ihn andere Spielregeln gelten als f\u00fcr mich&#8230; Die Gruppe wird schlie\u00dflich sehr gro\u00df und Natsu nutzt die Workshopzeit f\u00fcr eine Vorstellrunde.<\/p>\n<p>Nach dem Workshop gibt es Tee, kinkans, Kekse und anderes. Im B\u00fccherregal der M\u00f6nche steht eine CD von &#8222;en vogue&#8220;, einer Frauenpopgruppe mit viel Busen und noch andere Blockbuster. Mein Sitznachbar beachtet mich zuerst nicht und dann kommt er auch gleich zum Wesentlichen &#8222;How old are you?&#8220; Nachdem wir gegenseitig H\u00f6flichkeiten \u00fcber unser jugendliches Aussehen austauschen ist das Gespr\u00e4ch zu Ende und ich wechsle an den Tisch von Natsu. Heute wird hier am Abend gebetet, ob ich bleiben m\u00f6chte. Gerne. Ich helfe den Raum aufzur\u00e4umen und die Schiebet\u00fcren wieder in ihre Schienen zu setzen, dann esse ich meine Karotte. Die M\u00f6nchen verkaufen Seife, Holzschuhe und Unterw\u00e4sche aus &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Materialien. Ein Mann setzt sich zu uns, w\u00e4hrend wir warten. Er ist Maler und war schon in \u00d6sterreich. Er malt Landschaften und Portraits und kommt aus Nagano. Dort liegt gerade Schnee. Die M\u00f6nchen verteilen Sitzkissen vor dem Altar. Der Raum wird abgedunkelt und ein M\u00f6nch beginnt mit dem Gebet. Der Reihe nach stehen die Leute auf, verbeugen sich gehen nach vorne, verbeugen sich wieder, streuhen R\u00e4ucherwerk, verbeugen sich und gehen zur\u00fcck. Bald bin ich dran. Wie war das nun, aufstehen, verbeugen, nein zuerst gerade zum Mittelgang, dann verbeugen, dann nach vorne, dann wieder verbeugen, dann hinknieen, tief verbeugen, r\u00e4uchern, verbeugen, aufstehen, verbeugen (?) zur\u00fcck. Nach dem Hinknieen rutschte ich nach Vorne und sto\u00dfe an den kleinen Altar. Hoffentlich war das nicht so sehr zu h\u00f6ren&#8230;. Nachdem alle vorne waren, wird es still. Alle meditieren (?) Die M\u00f6nchen kratzen sich oder reden miteinander. Dann wird ein kleiner Ofen aufgestellt. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Sie gehen noch etwas trinken, ob ich mitkomme. Sicher.<\/p>\n<p>Wir essen rohe Dorschleber, kleine Fischchen und mexikanischen Eintopf zum Bier. Dieses Mal komme ich g\u00fcnstiger davon. Auf dem Weg zur Station l\u00e4d mich Natsu zur Probe am Sonntag in ihr Haus ein und nachher ins Onsen. Oyasuminasai.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Natsu hat wegen Ersch\u00f6pfung zwar die Butohstunden ausgesetzt &#8211; sie fliegt im M\u00e4rz nach Vancouver &#8211; aber ihre &#8222;workshops for handicaped people&#8220; finden weiterhin jeden Samstag statt. Einmal in Yatsuya und einmal in Koenji. 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