{"id":406,"date":"2012-01-16T16:10:58","date_gmt":"2012-01-16T16:10:58","guid":{"rendered":"http:\/\/insho.wordpress.com\/?p=406"},"modified":"2012-01-16T16:10:58","modified_gmt":"2012-01-16T16:10:58","slug":"sensei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/2012\/01\/16\/sensei\/","title":{"rendered":"Sensei"},"content":{"rendered":"<p>Den Mittwoch habe ich mir f\u00fcr Yoshito reserviert. In Yokohama bleibt mir etwas Zeit um mich im Bahnhofsshoppinglabyrinth umzusehen, bevor ich weiter nach Kami-hoshigawa fahre. Dort in einem Supermarkt neben der Station mit dem originellen Namen &#8222;Fuji&#8220; kaufe ich rasch ein paar Lebensmittel; bei den Temperaturen im Studio werden die schon nicht so rasch schlecht und steuere wie immer den Minimarket an &#8211; liegt ja auch am Weg. &#8222;Kohi o kudasai&#8220; &#8222;Ich?&#8220; &#8222;Hai!&#8220; Diesmal ist der nette Verk\u00e4ufer mit dem Irokesenhaarschnitt da. (Kenn ich den schon? Er nickt so wissend.) Er gibt mir eine Bonuskarte f\u00fcr den Kaffee. Vier Kleber und ich bekomme einen gratis (wahrscheinlich). Der Rest des Abends kann also nur gut werden&#8230; Auf dem Weg greife ich noch eine verirrte japanische Flamencot\u00e4nzerin auf, die auch zu Yoshito m\u00f6chte. Das Studio ist dieses Mal geheizt und der Sensei p\u00fcnktlich. Gestern sei ein amerikanischer Schauspiellehrer mit seiner Sch\u00fclerin da gewesen, der vielleicht heute wieder kommt, erz\u00e4hlt Yoshito fast erfurchtsvoll. Dieser Schauspielerlehrer entpuppte sich als der Amerikaner, der unl\u00e4ngst zu sp\u00e4t kam. Pff. Was ich mir zu ihm und der jungen Frau dachte, m\u00f6chte ich nicht n\u00e4her ausf\u00fchren. Ich bin einfach doch ein schlechter Mensch und meine Schauspielschule war bei weitem nicht so&#8230;.exclusiv. Dann begann die Stunde und wir damit eines der kleinen Handt\u00fccher, die in Japan gerne in der K\u00fcche und f\u00fcr alles m\u00f6gliche verwendet werden, in Liebe, Ha\u00df und Wut zu bearbeitet. Fr\u00fcher konnten die Kinder am R\u00fccken ihrer M\u00fctter erkennen, in welcher Stimmung diese waren; weil sie T\u00fccher w\u00fcrgten. Heute w\u00fcrden die Frauen keine T\u00fccher mehr benutzen. Der Amerikaner gibt sich redlich M\u00fche mir immer unsympathischer zu werden, indem der Yoshitos Anweisungen durch eigene Anweisungen an seine &#8222;Sch\u00fclerin&#8220; (sorry, aber die Anf\u00fchrungsstriche mussten sein.) erg\u00e4nzt oder meint allen erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, was Ukiyo-e (&#8222;Bilder der flie\u00dfenden Welt&#8220;, Farbholzschnitte) sind, obwohl die anderen Japanerinnen waren und ich ihn nicht gefragt hatte.<\/p>\n<p>Dann sollten wir &#8222;unsere&#8220; Frau auf der B\u00fchne finden. Yoshito sprach vom Kabuki, wo Frauen von M\u00e4nnern gespielt werden und es deshalb zur Kunst wird. Durch die \u00dcbersetzung war wohl etwas verloren gegangen. Ich kenne ein Zitat aus dem Kabuki, das besagt: Sage einer Frau, spiele eine Frau und sie fragt dich, welche. Sage einem Mann, spiele eine Frau und er spielt sie. Um &#8222;unsere&#8220; Frau zu finden, gab er uns kleine Gymnastikb\u00e4lle. Mit dieser \u00dcbung konnte ich erst etwas anfangen, als ich beschlo\u00df, einfach zu improvisieren und Frau Frau sein zu lassen. Yoshito sprach vom Uterus als einem gesch\u00fctzen Universum und zitierte Kazuo mit seinem St\u00fcck &#8222;Meine Mutter&#8220;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/insho.files.wordpress.com\/2012\/01\/my-mother.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-410\" title=\"my mother\" src=\"http:\/\/insho.files.wordpress.com\/2012\/01\/my-mother.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"812\" srcset=\"https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/01\/my-mother.jpg 655w, https:\/\/wordpress.fobis.org\/inshou\/wp-content\/uploads\/sites\/5\/2012\/01\/my-mother-236x300.jpg 236w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Er erw\u00e4hnte eine T\u00e4nzerin, die als Frau nicht nur in ihrer Mutter tanzen konnte\/kann, sondern auch als Mutter&#8230;.<\/p>\n<p>Dann wird ein riesiger runder niedriger Tisch zum Mond und Yoshito erz\u00e4hlt uns von den Fotoserien, die Kazuo f\u00fcr seine St\u00fccke gemacht hat. Wir sollten uns fotografiert f\u00fchlen und unseres R\u00fcckens bewusst. Diese Stunde machte wieder einmal Sinn, Sensei.<\/p>\n<p>Beim anschlie\u00dfenden Tee trinken, versuche ich den Herrn Schauspiellehrer zu ignorieren &#8211; als er mit Sushifingern die Zeitungsartikel \u00fcber Yoshito angreift, als er der netten japanischen Studentin anschafft, sie solle gef\u00e4lligst \u00fcbersetzen und als er eine ungarische Zeitschrift als &#8222;from Yugoslavia&#8220; identifiziert. &#8222;Do you know Bob Wilson?&#8220;, fragt er Yoshito. &#8220; You should meet him. He&#8216; s a friend of mine.&#8220; Als er Yoshito dann auch noch nach New Mexico f\u00fcr eine Performance und einen Workshop einl\u00e4dt, zerflie\u00dft selbiger vor Gl\u00fcckseligkeit und beeilt sich ein schenkbares Poster zu finden. Ich helfe ihm mit dem Paket der Plakate von irgendeiner Kazuo-Auff\u00fchrung und er sucht ein Gummiringerl. &#8222;Sensei!&#8220; ich biete im ein St\u00fcck Schnur und verpacke das Poster noch nett f\u00fcr den Herrn Schauspiellehrer, der leider morgen schon wieder abreist. &#8222;Sensei, domo arrigato gozaimasu!&#8220; &#8222;Samui&#8220; &#8222;Hai, totemo samui&#8220; Gute Nacht.<\/p>\n<p>Auf der Heimfahrt halten die Keiseis m\u00fcde ihre Alkoholfahnen hoch. Einer von ihnen sieht mich mit einem Blick an, der eher ins Sp\u00e4tabendprogramm einiger Privatsender passen w\u00fcrde. Ich drehe mich (ab)dankend weg. Ich stehe nur auf der B\u00fchne als Objekt der Betrachtung zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Mittwoch habe ich mir f\u00fcr Yoshito reserviert. In Yokohama bleibt mir etwas Zeit um mich im Bahnhofsshoppinglabyrinth umzusehen, bevor ich weiter nach Kami-hoshigawa fahre. 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